Fernand Semma - Ubu Roi
1989
Holz und Metall
Bezirksmuseum Buchen
Für die zwei kantigen Stelen aus Erlenholz und Altmetall ließ sich Semma von dem Theaterstück Ubu Roi des französischen Schriftstellers Alfred Jarry inspirieren. Der Buchener Künstler war von der Gesellschaftssatire, die bei der Uraufführung einen Skandal auslöste, auch deshalb fasziniert, da er selbst oft bei seinen Mitmenschen aneckte.
In den zwei Holzstelen verarbeitete Semma auf seine künstlerische Art die zwei Hauptfiguren - François Ubu (Père Ubu, später Ubu Roi) und seine Frau (Mère Ubu). Während der Mann einen aggressiven Eisenspieß als Zepter trägt, hat Mère Ubu eine drahtbürstige Haartracht in Form einer Mistgabel. Beide Figuren haben keine Augen, Ohren, Nase oder Mund. Indem Semma die Stelen fest am Boden verschraubte - die Starrheit und Steifheit als Zeichen der Prüderie und Verbohrtheit - verstärkte er seine eigenwillige Parodie auf die kleinbürgerliche Gesellschaft.
Das Kunstwerk stand lange Zeit im Garten des Künstlers, ging später ans Bezirksmuseum Buchen und befindet sich seit 2015 als Leihgabe im Neuen Rathaus in Buchen.

Der Künstler
Fernand Semmas Weg zur Kunst war alles andere als vorgezeichnet. 1944 wurde er als Horst Ferdinand Semma in Rastatt geboren. Seine Mutter, Anna Rosa Semma, war eine einfache Hotelangestellte, sein Vater war ein französischer Kriegsgefangener namens Henry Malard (der Name variiert). Da der Vater bei Kriegsende nach Frankreich zurückkehrte, wuchs Semma bei seiner Mutter auf - erst in Rastatt, einige Jahre darauf im badischen Odenwald, wo die Mutter 1956 Ferdinand Köppen heiratete.
Beruflich erlernte der junge Semma zunächst den Beruf des Bäckers. Als ihn eine Mehlstauballergie an der Fortführung hinderte, arbeitete er für einige Jahre als Fahrer beim Roten Kreuz. 1971 heiratete er Elisabeth Bauer aus Königheim und bekam mit ihr vier Kinder.
Über die Idee, Spielzeug für seine Kinder zu bauen, kam Semma zur Kunst. 1976 entschied er sich, die Holzschnitzschule in Bischofsheim an der Rhön bei Professor Philipp Mendler zu besuchen. Bei seiner Rückkehr 1980 war der Schritt zum freien Künstler endgültig vollzogen. Zuhause richtete er sich ein erstes Atelier ein, das er Atelier Chateauneuf nannte. Die Räumlichkeiten seiner Werkstatt änderten sich in der Folge, der Name hingegen blieb bestehen. Teil dieser Metamorphose zum bildenden Künstler war auch die Umbennenung von Horst zu Fernand, das 1984 auch amtlich vollzogen wurde.
Anfang der 1980er folgte der Umzug nach Buchen in die Hofstraße. Dort lebte die Familie in einem der ältesten Fachwerkhäuser der Stadt, das Semma selbst restaurierte. 1986 stieg der Künstler dann vollständig aus dem bürgerlichen Leben aus und widmete sich nur noch seiner Kunst. Nach dem Bruch mit seiner Familie wohnte er im winzigen Schäferhäuschen am Ortsausgang im Morretal, das zuvor der Unterbringung seiner Schüler gedient hatte. Semma lebte nun sehr abgeschieden, naturverbunden und archaisch. Wasser holte er an einer nahegelegenen Quelle im Arnberg. Das Birkenbrünnlein hatte für Semma praktisch und spirituell eine große Bedeutung, auch deshalb wird die Quelle mit ihm immer wieder in Verbindung gebracht. In dieser Zeit beschäftigte er sich zudem mit der jüdischen Religion und konvertierte letztlich zum Judentum.
1991 erlitt Semma einen Schlaganfall, von dem er sich schrittweise, aber vollständig erholen konnte. Im letzten Abschnitt seines Lebens war die Ärztin Claudia Theresia Assimus die wichtigste Bezugsperson, mit der er 1995 eine zweite Ehe einging und die ihm ein weiteres Kind schenkte. 1999 starb Fernand Semma an Lungenkrebs.
Fernand Semmas Werke wurden in zahlreichen Ausstellungen und bei (Bildhauer-)Symposien gezeigt, die er teils selbst organisierte. Neben freien Arbeiten bekam er immer wieder auch Auftragsarbeiten wie Kruzifixe und Holzmadonnen. 1980 gestaltete er beispielsweise die Türgriffe für das Neue Rathaus in Buchen. Vorherrschendes Thema war bei Semma der Mensch, sein bevorzugtes Material Holz. Die Formsprache seiner Arbeiten blieb stets sparsam, die Linien- und Konturenführung hingegen gestaltete er gerne expressiv. Seine eigenwillige Kunstrichtung wird mit dem Begriff der individuellen Mythologie in Verbindung gebracht, was sich auch in seinem äußeren Erscheinungsbild widerspiegelte - mythische Schmuckstücke an zweckveränderten Kleidungsstücken. Seine Kunst eckte immer wieder an. Zu nennen wäre die Anbringung des Objekts Phallus (1984) an sein Haus oder ein mit Stacheldraht eingefasstes Kruzifix mit dem Titel Christus am Kreuz (1983) auf seinem Dach sowie die Kontroverse um die Installation Wasser (1987), die ihn mental stark belastete. Heute erinnert die Dauerausstellung Die Stille ist der Unruhe Herr des Bezirksmuseums im obersten Stock des Trunzerhauses sowie der gleichnamige Film aus dem Jahr 2015 an das Leben und Wirken des Künstlers Fernand Semma.