Wilhelm Guntermann - Kirchgänger
um 1920
Öl auf Leinwand
Bezirksmuseum Buchen Inv.-Nr. 8836
Guntermann und seine Familie lebten in Hollerbach von der Dorfbevölkerung sehr abgeschieden - nicht nur räumlich. Der sportlich sehr aktive, vermögende Maler dürfte wenig gemein mit den hart arbeitenden, einfachen Bauern und Handwerkern des Odenwaldes gehabt haben.
Seine Haltung zur katholischen Religion, die Hollerbach und die umliegende Region seit Jahrhunderten prägte, ist nicht überliefert. Um 1920 malte Guntermann eine unverkennbar christliche Handlung - den allwöchentlichen, sonntäglichen Kirchgang. Vier Personen – eine Frau und drei Männer – marschieren jeweils in ihrem besten, schwarzen Zwirn zielgerichtet, aber wenig enthusiastisch zu ihrer Pflichterfüllung. Während die leicht vorausgehende Dame noch sehr demütig mit fast geschlossenen Augen ihre Bibel umklammert, hat der jüngere Mann mit Gehstock und modischem, hellen Hut fast einen ängstlichen Gesichtsausdruck. Dem Pärchen, das eventuell aus Mutter und Sohn besteht, folgen zwei sehr unterschiedliche Personen – ein groß gewachsener, hagerer Mann mit buckeliger Haltung und verbissenen Blick und sein kleiner, recht übergewichtiger und apathisch dreinschauender Begleiter.
Guntermann hielt in seinem dunkel, fast düster gestalteten Gemälde eine Alltagsbeobachtung aus dem bäuerlichen, ländlichen Leben fest, die er mit sanfter Ironie ausstattete. Dem Maler, der seine Freizeit sorgsam mit freudigen Aktivitäten selbständig bestimmte, dürfte der festgeschriebene Kirchenbesuch fremd und vielleicht auch überholt erschienen sein.
